Greifenhagen und der Englische Schweiss - Geschichten aus dem Dorf
Um das Jahr 1540 brach im Hause des Dorfhirten von Greifenhagen ein Feuer aus. Dieses und weitere vier Häuser fielen den Flammen zum Opfer. Da man dem Hirten nachsagte, das er zeitweise zwielichtige Gestalten beherbergte, verlegte man daraufhin seine Behausung ein gutes Stück außerhalb des Dorfes. Ein anderer Hirte hat in der Schenke den Hirten des Nachbarortes Hertwigerode (später in Bräunrode aufgegangen) erstochen.
1529 wurde Wernrode - heute das Oberdorf Greifenhagens - vom Englischen Schweiß heimgesucht, wobei einige Häuser vollkommen entvölkert wurden. Der Englische Schweiss - auch sudor anglicus genannt - war eine sehr ansteckende und bis heute mysteriöse Infektionskrankheit, die meist tödlich verlief. Bis heute ist völlig unklar, wodurch diese Krankheit ausgelöst wurde. Es gibt Vermutungen, dass sie durch HANTA VIREN oder GRIPPE VIREN ausgelöst wurde. Ein typisches Symptom waren die starken Schweissausbrüche. Die Krankheit wurde erstmals im Jahre 1485 in England entdeckt und breitete sich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts über ganz West- und Mitteleuropa aus. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verschwand die Krankheit auf genau so mysteriöse Weise, wie sie auftauchte.

Bild: Die Sühnekreuze bei Greifenhagen. Entwurf von Hans-Werner Scharf zum Gemeindesiegel der Gemeinde Greifenhagen aus den frühen 1990er Jahren nach einer historischen Schützenmedaille des HARZ-WIPPER-SCHÜTZENBUNDES aus den 1930er Jahren.
Ob vielleicht die in Fragmenten noch heute existierenden Kreuzsteine oder Sühnekreuze - sie stehen erst seit wenigen Jahren Jahren in der Mitte des Dorfes Greifenhagen - mit diesem Ereignis in Verbindung gebracht werden können, sei dahingestellt. Auch die Zeit um die Jahre der Reformation war durch eine tiefe Religiosität geprägt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die überlebenden Bewohner die Kreuzsteine zum Gedenken an die Seuche aufstellten. Vielleicht wurde die Sage um die Jungfrauen (siehe Seite Greifenhagen - Die Sühnekreuze oder Kreuzsteine) erst später erfunden, nachdem die Toten durch den Englischen Schweiß vergessen waren. Fest steht zumindest, dass sich die Krankheit nie lange an einem Ort aufhielt.

Bild: Die Sühnekreuze von Greifenhagen. Aktueller Standort in der Ortsmitte von Greifenhagen.
Auch Diebe haben um diese Zeit den Wernrödern oft zugesetzt. Einmal wurde eine Kuh von einem Dieb an Ort und Stelle getötet und gehäutet. Der Dieb hat später die Haut im nahen Mansfeld verkauft. Auch wurden zwei Männer, die in Quedlinburg etwa einhundert Gulden an Geldes gestohlen hatten, gefangen gesetzt. Die Männer hatten zuvor noch versucht in Pfersdorf (zwischen Walbeck und Quenstedt) in der Schäferei einzubrechen. Sie wurden auf dem Arnstein mit dem Schwerte hingerichtet. 1557 wurde ein Mann namens Hans Koch - als er sich auf dem Wege nach Harzgerode befunden hatte, um von dort Kohle nach Mansfeld zu bringen - von drei Männern überfallen und ihm die Pferde gestohlen. Hans Koch wurde ermordet.
Der Schwarze Hans, ein Knecht dem man Verbindungen zum Teufel und Schwarze Magie nachsagte, erhängte sich in der Nacht vor seiner Hochzeit in einer Scheune. Sein Leichnam wurde erst drei Wochen später gefunden.
Unweit Greifenhagens in Richtung Saurasen - in etwa dort wo der Stockbach entspringt - befand sich das Dorf Silrode oder Seilrode. Dieser Ort war im Mittelalter extrem unsicher und wurde immer wieder von Räubern heimgesucht, die sich von hier aus in den damals noch dicht bewaldeten Harz in Sicherheit bringen konnten. Auch mancher Reisende auf der Hohen Straße, der heutigen Harzhochstraße, wurde hier überfallen. Zu Zeiten des Chronisten Spangenbergs Ende des 16. Jahrhunderts war das Dorf bereits wüst, genau wie die in der Nähe liegenden Dörfer Dentzgerode, Risperode und Wiegefelde.
Das Dorf Silrode ist möglicherweise identisch mit der Wüstung Schnaittelsdorf, an dessen Stelle heute noch ein Brunnen inmitten des Ackers steht. Wenn man auf der Landesstraße L158 von Greifenhagen Richtung Saurasen - also Richtung Harz - fährt, ist der Brunnen als Betonröhre etwa 1.5 Kilometer hinter Greifenhagen und etwa 350 Meter von der Straße entfernt linker Hand auf dem Feld zu sehen.

Bild: Ritter, Tod und Teufel von Albrecht Dürer.
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