Hettstedt – Die Stadt zwischen Harz und Halden

Im schmalen Wippertal, eingefasst von steilen Hängen und unzähligen Bergbauhalden, liegt die Stadt Hettstedt. Die erste Erwähnung geht auf eine Urkunde aus dem Jahre 1046 zurück, in der eine Siedlung HEICZTEDE erwähnt wurde. Damals schenkte König Heinrich III. einige Güter, vielleicht aber auch den ganzen Ort, dem Bistum Meißen. Das und auch die Endung -stede (heute: -stedt) legt die Vermutung nahe, dass hier schon einige Zeit vorher eine Siedlung bestanden hat.


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Im Jahre 1199 begann hier der Kupferbergbau, nachdem nach einer alten Sage auf dem Kupferberg durch die Bergleute Nappian und Neucke Kupferschiefer entdeckt wurde. Bereits 1223 wurde auf dem Kupferberg das Hospital St. Gangolf mit einer Kapelle errichtet (siehe Seite Hettstedt – Der Kupferberg mit der Kirche St. Gangolf und dem ehemaligen Hospital sowie Gut und Ortschaft). Durch den Kupferbergbau entwickelte sich der zur Freiherrschaft Arnstein gehörende Ort sehr schnell. Die Gründung der eigentlichen Stadt wird auf das Jahr 1283 datiert, Urkunden aus dieser Zeit erwähnen eine civitas hezstede.

Bild: Auf dem Markt von Hettstedt.

Bild: Auf dem Markt von Hettstedt.

Bild: Blick auf die Dächer der Altstadt von Hettstedt.

Bild: Blick auf die Dächer der Altstadt von Hettstedt.

Die Grafen von Arnstein ließen möglicherweise Anfang des 13. Jahrhunderts an der Stelle des heutigen Brauhauses eine Wasserburg errichten [1], von der heute aber nur noch der Bergfried erhalten ist. Nach dem Aussterben der Herren von Arnstein gegen Ende des 13. Jahrhunderts kam der Ort an die Grafen von Falkenstein. Im Jahre 1334 starben auch die Grafen von Falkenstein aus. Im Laufe der um die Besitztümer der Falkensteiner entbrannten kriegerischen Auseinandersetzungen wurde die Stadt 1341 durch das Heer des Bischofs von Halberstadt erobert und dauerhaft besetzt. 1351 musste der an den Kriegshandlungen beteiligte Graf von Regenstein Stadt und Burg vertraglich an den Halberstädter Bischof abtreten, aber bereits 1394 verpfändete Ernst von Halberstadt die Stadt mit der Burg für 4400 Gulden an die Grafen von Mansfeld.

Bild: Reste der ehemaligen Wasserburg am Busbahnhof von Hettstedt.

Bild: Reste der ehemaligen Wasserburg am Busbahnhof von Hettstedt.

Ab 1430 wurde mit dem Bau einer festen Stadtmauer begonnen, von der heute noch der Molmeck, der Zuckerhut, das Saigertor und weitere Reste zu sehen sind. Das ist Anhaltspunkt dafür, dass das Verhältnis der Grafen von Mansfeld zu den Bürgern Hettstedts ein sehr gespanntes gewesen sein muss. Im Jahre 1436 borgte sich Bischof Burchard von Halberstadt bei den Hettstedtern 300 Schock Meißnische Groschen sowie das gesamte Pfandgeld in Höhe von nunmehr 4411 Gulden. Er verpfändete die Burg, die Gerichte und Mühlen inner- und ausserhalb der Stadt sowie Wiederstedt mit allen Lehen an die Hettstedter, die auch sofort die Wasserburg besetzten. Die Grafen von Mansfeld konnten das nicht auf sich beruhen lassen, denn sie hatten erhebliche finanzielle Mittel in die Instandsetzung der Burg gesteckt. So beschwerten sie sich beim Kaiser, der den Erzbischof Günther von Magdeburg mit der Schlichtung des Streites betraute. Der befand, dass den Grafen von Mansfeld das Schloss zurückzugeben sei. Die Hettstedter jedoch – im vollen Vertrauen auf die neu errichtete Stadtbefestigung – setzten darauf hin Stadt und Burg in den Verteidigungszustand.

Die Grafen beschwerten sich darauf hin bei ihrem Lehensherren, dem Kurfürsten von Sachsen, der gemeinsam mit den Mansfeldern und dem Grafen von Schwarzburg ein Heer von etwa 8000 Mann zusammenstellte und am 21. Juli 1439 gegen die Stadt Hettstedt zog. Bereits am Mittag des folgenden Tages fiel die Stadt, obwohl die Hettstedter Bürger unterstützt durch Truppen des Bischofs von Halberstadt ihre Stellung verbissen verteidigten. Nach Plünderung der Stadt und Gefangennahme etlicher Bürger belehnte Kurfürst Friedrich von Sachsen den Grafen Volrad von Mansfeld gegen eine Zahlung von 5000 Gulden mit Schloss und Stadt Hettstedt. Der Graf von Mansfeld trieb sofort eine beträchtliche Geldsumme bei der Bürgerschaft von Hettstedt ein. 1442 wurde durch einen Vertrag die alte Lehensoberhoheit der Halberstädter Bischöfe wieder hergestellt. Hier machte jeder ein Geschäft, außer den Hettstedter Bürgern, die neben dem finanziellen Schaden auch die Schmach des Verlierers zu tragen hatten.

Bild: Sie Stiege vom Luisenplatz zur St. Gangolf Kirche auf dem Kupferberg.

Bild: Sie Stiege vom Luisenplatz zur St. Gangolf Kirche auf dem Kupferberg.

In den folgenden Jahren verkam die Stadt zusehends, bis ihr im Jahre 1451 einige Privilegien durch die Mansfelder Grafen zugestanden wurden. 1453 gründeten die Grafen von Mansfeld zwischen der Altstadt und dem heutigen Freimarkt ein Karmeliterkloster, das aber nur bis zum Bauernkrieg Bestand hatte [2]. Im Jahre 1573 kam die Oberlehenshoheit über die Stadt wieder an Sachsen, wo es bis 1808 verblieb. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde die Stadt fast vollständig zerstört. In den Kriegsjahren brachen verheerende Brände, so etwa 1627, aus. Die nahe der Stadt Hettstedt gelegene Festung Mansfeld übte eine magische Anziehungskraft auf die kriegerischen Parteien aus.

So zogen immer wieder verschiedene Heere durch das Mansfelder Land und in ihrem Gefolge Hunger, Vergewaltigung, Mord und Plünderungen. Es war dabei unerheblich, ob katholische oder protestantische Truppen gerade das Gebiet beherrschten. Der Ausbruch der Pest tat ein übriges: Die Einwohnerzahl sank von 2100 auf etwa 500. Besonders schwer wurde das Jahr 1639 für die Hettstedter. Wegen einer extremen Verteuerung der Lebensmittel sind sogar Fälle von Kanibalismus überliefert. In Folge dieses für Mitteldeutschland so verheerenden Dreißigjährigen Krieges brachen Handel, Bergbau und Infrastruktur für einen Zeitraum von etwa 20 Jahren völlig zusammen.

Erst ab 1671, mit dem Erlass einer neuen Bergordnung für die Mansfelder Schächte durch den Kurfürsten Johann Georg von Sachsen, kam der Kupferschieferbergbau als Wirtschaftsfaktor der Stadt wieder in Gang. Allerdings mussten immer tiefere Schächte geteuft werden, um an das kostbare Erz zu gelangen. Dazu kamen verstärkt Probleme mit der Wasserhaltung der Schächte, was im Jahre 1785 zum Einsatz der ersten Dampfmaschine auf dem König-Friedrich-Schacht – Preußische Hoheit – zum Abpumpen des Wassers führte. An diese Dampfmaschine erinnert heute das Maschinendenkmal an der Eislebener Straße.

Bild: Das Maschinendenkmal auf der Preußischen Hoheit in Hettstedt erinnert an die erste deutsche Dampfmaschine Wattscher Bauart.

Bild: Das Maschinendenkmal auf der Preußischen Hoheit in Hettstedt erinnert an die erste deutsche Dampfmaschine Wattscher Bauart.

Am 12. März 1808 musste der König von Sachsen die Stadt an das durch Napoleon Bonaparte proklamierte Königreich Westphalen unter Jérôme Bonaparte abtreten. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig am 16. bis 19. Oktober 1813, die mit einer vernichtenden Niederlage für Napoleon Bonaparte endete, kam Hettstedt zum Königreich Preußen. Die industrielle Revolution und eine Verstärkung der bergbaulichen Aktivitäten führten ab 1813 zu einer raschen Zunahme der Bevölkerung [3]. Zu dieser Zeit war die Geschichte des Stadtteiles Burgörner eng mit Wilhelm von Humboldt und seinen Nachkommen verbunden, die das Gut Burgörner innehatten und dort auch zumindest zeitweise lebten. Siehe dazu die Seite Wilhelm vonHumboldt und Hettstedt-Burgörner.

Einen weiteren Schub erhielt die Stadt durch den Anschluss an das Eisenbahnnetz in Richtung Halle, Erfurt und Magdeburg in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. 1897 erhielt Hettstedt ein eigenes Fernsprechnetz und 1901 eine elektrische Straßenbeleuchtung. Erste Haushalte und besonders das Rathaus bekamen elektrischen Strom. Die Infrastruktur wurde beständig erweitert: Ab dem 8. Oktober des Jahres 1900 verkehrte eine elektrische Kleinbahn zwischen dem Hettstedter Markt und Helfta (heute Ortsteil von Eisleben). Diese Bahnlinie wurde 1922 wieder eingestellt, weil sie nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben war. In den folgenden Jahren etablierte sich in Hettstedt besonders die kupferverarbeitende Industrie. Bedeutsam ist die Gründung des Mansfelder Kupfer- und Messingwerkes, MKM, im Jahre 1909. Im gleichen Jahr kam es zu einem großen Streik, an dem sich etwa 8.000 Berg- und Hüttenarbeiter beteiligten.

Bild: Der Schmalzgrundviadukt.

Bild: Der Schmalzgrundviadukt.

Bild: Walzen von Grobblech auf dem Breiten Umkehrwalzwerk bei MKM, ehemaliges Walzwerk Hettstedt.

Bild: Walzen von Grobblech auf dem Breiten Umkehrwalzwerk bei MKM, ehemaliges Walzwerk Hettstedt.

Bild: Blick auf MKM bei Nacht.

Bild: Blick auf MKM bei Nacht.

Noch am 11. April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde die Innenstadt durch die amerikanische Luftwaffe bombardiert. 51 Menschen fanden den Tod, 109 Wohnungen wurden völlig zerstört und weitere 117 Gebäude wurden schwer beschädigt. Die kriegswichtigen Industriebetriebe erhielten keinen einzigen Treffer! Nur zwei Tage später wurde Hettstedt durch amerikanische Truppen besetzt. Erst am 1. Juli 1945 marschierten die Streitkräfte der Sowjetarmee, gestützt auf die Verträge von Jalta, in die Stadt ein.

1952 wurde Hettstedt Kreisstadt des neu gegründeten gleichnamigen Kreises. Am 17. Juni 1953 streikten die Arbeiter des MKM, wie überall in den Industrieregionen der ehemaligen DDR gegen die Anhebung der Arbeitsnormen, leider auch hier erfolglos. Dennoch boten Hettstedts Industriebetriebe und der Bergbau gut bezahlte und entsprechend begehrte Arbeitsplätze. In den folgenden Jahren bis zur Wende 1989 stieg die Bevölkerungszahl von etwa 16.300 auf etwa 21.000 an. Neue Wohnviertel entstanden, aber auch Kultur-, Sport-, und Freizeitanlagen. Mittlerweile ist die Bevölkerungszahl der Wipperstadt wieder auf unter 15.700 gesunken. Ihren Industriecharakter hat die Stadt aber bisher zum Glück noch nicht ganz verloren, und das trotz der einschneidenden wirtschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahre.

Zur Zeit sind die MKM (Mansfelder Kupfer- und Messingwerke) der größte Arbeitgeber der Stadt, obwohl in den letzten Jahren Industriearbeitsplätze in einem unvorstellbaren Ausmaß abgebaut wurden. Ganze Betriebe wurden mit staatlichem Segen abgewickelt, weil sie angeblich nicht konkurrenzfähig waren. Die hohe Arbeitslosigkeit ist das wichtigste zu lösenden Probleme in der Region. Die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit führt zur massiven Abwanderung, nicht nur von ganz jungen Leuten. Die Anzahl der Einwohner sank wieder auf etwa 15.300 und viele Wohnungen, besonders in den Neubaugebieten Hettstedts, stehen leer.

Bild: Das Rathaus der Stadt Hettstedt.

Bild: Das Rathaus der Stadt Hettstedt.

Bild: Skulptur im Neubaugebiet an der Feuerbachstraße.

Bild: Skulptur im Neubaugebiet an der Feuerbachstraße.

Bild: Der Obelisk Flamme der Freundschaft erinnert an die Versorgung des Walzwerkes Hettstedt mit sowjetischem Erdgas.

Bild: Der Obelisk Flamme der Freundschaft erinnert an die Versorgung des Walzwerkes Hettstedt mit sowjetischem Erdgas.

Heute ist Hettstedt – auch dank privatem Engagements – wieder eine saubere und gepflegte Stadt, die zumindest in ihren Kerngebieten die Tristesse aus DDR-Zeiten abgelegt hat. Zweimal wöchentlich ist Markttag. Besonders aber an den Wochenenden erwacht der Marktplatz zu echtem Leben. Hier werden von jungen Leuten (und allen die sich dafür halten) im Rahmen einer MARKTRUNDE die coolsten Autos mit den besten und bassstärksten HiFi-Anlagen präsentiert.

Externe Links:
Die offizielle Internetseite der Stadt Hettstedt
http://www.hettstedt.de

  1. Über die Gründung der Wasserburg von Hettstedt weichen historische Quellen beträchtlich voneinander ab und lassen leider auch viele Fragen offen. Die mir bekannten Quellen lassen drei Möglichkeiten einer Burggründung zu. Erstens: Die Burg wurde von den Arnsteinern Anfang des 13. Jahrhunderts angelegt. Zweitens: Die Burg wurde zu etwa der gleichen Zeit durch einem Hoyer (oder Hagero) von Falkenstein gegründet. Drittens: Es ist auch möglich, dass die Burg deutlich älter ist. Bereits 1121 wurde in einer Urkunde ein Edler Conrad de Heiksteten erwähnt. Wenn dieser wirklich mit Hettstedt in Verbindung steht, wird er bereits auf einer festen Burg gesessen haben. []
  2. Im Jahre 1517 brannte das Kloster bei einem Stadtbrand aus, wurde aber schnell wieder aufbebaut. Im Bauernkrieg wurde es 1525 von den Bauern gestürmt, ausgiebig geplündert und seine Insassen verjagt. Der damalige Prior Johannes Glockmann meinte dazu lapidar, er und seine Mönche hätten eingesehen, dass das Klosterleben nicht von Gott gewollt sei. []
  3. Die Bevölkerungszahl der Stadt betrug 1796: 2.677; 1.817: 3.000; 1871: 5.493; 1880: 7.653; 1880: 8.641 Einwohner (Quelle: Grössler: „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen“, Halle/Saale, Druck und Verlag von Otto Hendel, 1893). []

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