Dörfer und Städte im Harz und dem Harzvorland: Questenberg - Der Ort und das historische Questenfest
Der Ort Questenberg
Das etwa 350 Einwohner zählende Dorf Questenberg liegt malerisch umrahmt von imposanten Kalksteinfelsen im Landkreis Manfeld-Südharz. Genau hier hat sich der Bach Nasse im Laufe der Zeit einen imposanten Durchbruch durch die Kalkfelsen geschaffen. Das Tal ist so eng, dass sich der Ort im wesentlichen nur an einer einzigen Hauptstraße entlang ziehen konnte. Dennoch hat der im Jahre 1397 erstmals erwähnte Ort einiges zu bieten: die Queste, die Ruinen einer mittelalterlichen Burg, einen hölzernen Roland, eine Kirche sowie Häuser mit einer sehr schönen Fachwerkarchitektur. Etwa einen Kilometer nördlich des Ortes Questenberg befindet sich die Dinsterbachschwinde.
Bild: Blick auf Questenberg.

Bild: Enten in der Nasse.

Bild: Die Dinsterbachschwinde bei Questenberg.
Die Kirche von Questenberg trägt den Namen St. Mariä Geburt und hat eine außerordentlich interessante Architektur. Das Obergeschoss ihres Turmes ist als Fachwerkkonstruktion ausgeführt. An der Aussenmauer des Kirchhofes ist noch heute ein Halseisen als Zeichen der Gerichtsbarkeit zu sehen.

Bild: Die Kirche St. Mariä Geburt zu Questenberg.
Auf dem Platz vor der Kirche steht unter einer alten Linde ein hölzerner übermannsgroßer Roland. Auch er ist ein Zeichen für die eigene Gerichtsbarkeit der Gemeinde. Der jetzige Roland wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgestellt.

Bild: Der Roland von Questenberg.
Vom Kirchplatz aus gelangt man über einen schmalen, zum Teil mit Holzstiegen ausgebauten Weg auf den Schlossberg. Hier findet man die Ruinen der alten Questenburg, die schon lange vor dem Ort existiert haben dürfte. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg stammt aber erst aus dem Jahre 1275. Die Anlage ist im Ursprung spätromanisch und in der Gotik vielfach umgebaut worden. Die Burg hatte mehrere Besitzer: neben den Grafen von Beichlingen-Rothenburg auch die Grafen von Stolberg-Wernigeode und Stolberg-Roßla. Im verheerenden Dreißigjährigen Krieg (siehe Fußnote 1) trotzte die Burg wiederholt den Belagerern. Sie konnte nie eingenommen werden. Auch im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 bot die Burg den Questenbergern wiederholt Schutz gegen marodierende Truppen (siehe Fußnote 2). Heute zeugen noch die erhaltenen Kellergewölbe, das Burgtor und die Ruine des runden Bergfriedes sowie ein Graben von der Wehrhaftigkeit der Anlage.

Bild: Die Ruinen der Questenburg bei Questenberg im Harz.
Achtung: Offiziell ist es verboten, das Areal der Ruinen zu betreten, da angeblich Einsturzgefahr besteht. Schilder an den Resten des Burgtores weisen unmissverständlich auf diesen Umstand hin.
Die Queste und das historische Questenfest
Die Queste ist ein etwa zehn Meter hoher und entrindeter Eichenstamm, der mit starken Hölzern sicher im Kalkfelsen verkeilt ist. Alle Äste sind bis auf wenige kurze Stümfe entfernt. Diese dienen als Sprossen zum Besteigen des Stammes. An diesem Eichenstamm ist ein etwa zwei Meter im Durchmesser betragender Kranz befestigt, an dem sich die Questen, das sind aus Birke geflochtene Büschel, befinden.
Bild: Die Queste.
Um die Queste, die hoch über dem Ort auf einem Felsen steht, rankt sich folgende Sage: An einem heiteren Frühjahrsmorgen in der Woche vor Pfingsten sprang die Tochter des Burgherren in den Garten der Burg. Da die Umzäunung den Blick auf den herrlichen Wald mit seinen Unmengen duftender Waldblumen freigab, schlüpfte das Mädchen durch ein Loch im Zaun. Beim Sammeln der Blumen geriet es immer tiefer in den Wald, so dass es den Rückweg nicht mehr finden konnte. Als die Nacht hereinbrach sank es erschöpft nieder und schlief ein. Ein Köhler aus der Nähe von Rotha fand das Mädchen und nahm es mit in Hütte, wo es familiäre Aufnahme fand. Die Eltern, in tiefer Sorge um ihr Kind, brachten sofort alle Bewohner des Ortes auf, um es zu suchen. Nach langer Zeit - sie hatten schon alle Hoffnung aufgegeben - fanden sie es fröhlich vor der Hütte des Köhlers beim Binden eines Kranzes, an den es zwei Quasten gehängt hatte. Sie brachten das Mädchen so schnell wie möglich zu seinen Eltern. In der Eile nahmen sie auch den Kranz mit. Daheim angekommen rief das Mädchen: „Väterchen, da hab’ ich Dir eine schöne Queste mitgebracht!“. Der Ritter benannte die Burg daraufhin Questenburg und den Ort Questenberg. Weiterhin bestimmte er, dass auf dem der Burg gegenüberliegenden Berg ein hoher Eichenstamm errichtet werden soll, der jährlich am Pfingstmontag mit einem frischen Kranz geschmückt werden muss. Die Questenberger sollten fortan bei dieser Gelegenheit ein großes Fest feiern. Der Köhler wurde reichlich entlohnt. Der Gemeinde Rotha verehrte der Ritter die Wiese, auf der das Kind schlafend gefunden wurde mit der Auflage, jedes Jahr in der Nacht vom ersten zum zweiten Pfingsttag ein Brot und vier Käse.
Das Questenfest hatte in früheren Zeiten für Questenberg eine weitaus größere Bedeutung als heute. Bereits die Vorbereitungen waren aufwändig. Am Himmelfahrtstag wurden alle benötigten Bäume im „Rückfelde“ südlich von Questenberg geschlagen. Es wurde jedes Jahr ein neuer Stamm gesetzt, was nicht nur viel Arbeit bedeutete, sondern auch bei den damaligen technischen Möglichkeiten und der geografischen Lage der Queste mit einer großen Unfallgefahr verbunden war. Der Stamm durfte nicht gefahren werden, sondern wurde von der männlichen Bevölkerung Questenbergs vom „Rückfelde“ an den Standort der Queste getragen. Das Holz wurde kostenlos durch die Fürstlich Stolberg-Roßlasche Forstverwaltung zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde Questenberg erhielt außerdem von der Rentenkammer in Roßla 40 Mark als Zuschuss zum Fest. Dann wurde in der Nacht vom ersten zum zweiten Pfingsttag ein Tanzzelt errichtet. In der selben Nacht erschien auch der Bote aus Rotha, der ein Brot und die vier Käse überbringen musste. Im Pfarrhaus von Questenberg wurden Brot und Käse wurden mit folgenden Worten übergeben:
„Ich bin der Mann aus Rothe
und bringe die Käse mit dem Brote.“
Er wurde vom Pfarrer freundlich und reichlich bewirtet, hatte aber Questenberg vor Sonnenaufgang zu verlassen. Der Brauch besagte, dass den Questenbergern das schönste Rind der Rothaer zustand, sollten diese ihren geringen Zins einmal nicht entrichten. Dies ist aber nach alten Überlieferungen nie vorgekommen.
In der Nacht vom zweiten zum dritten Pfingsttag wurde der alte Kranz vom Questenstamm genommen, so wie dies auch heute noch Brauch ist. Dazu wurde die aufgehende Sonne mit dem Absingen des Kirchenliedes begrüßt:
„Dich seh ich wieder, Morgenlicht,
Und freue mich der edlen Pflicht,
Dem Höchsten Lob zu singen.
Ich will, entbrannt von Dankbegier,
O mildester Erbarmer, dir
Mit heilgem Mut lobsingen.
Schöpfer, Vater,
Deine Treue
Rührt aufs neue
Mein Gemüte.
Froh empfind ich deine Güte.“
Vormittags trafen sich die Männer Questenbergs in ihrer besten Tracht mit ihrem Gewehr und Fahnen in der Hand zum Festgottesdienst in der Kirche. Nach dem Gottesdienst stiegen alle gemeinsam zur Queste auf. Dort wurde der Kranz frisch gebunden und unter den Klängen von Musik am Stamm befestigt. Sobald der Kranz hing, wurde dreimal hindurch geschossen. Danach zogen alle in das Dorf zurück, wo ausgelassen gefeiert wurde.
Zum Pfingstfest kommen auch heute noch viele Besucher nach Questenberg. Bereits am frühen Morgen des Pfingstmontages nehmen die Questenberger, die mit Trompeten geweckt wurden, den schweren Kranz des Vorjahres vom Stamm. Die alten „Questen“ werden verbrannt. Dabei werden Sauerkraut und Strietzel verzehrt. Am Nachmittag wird der Kranz neu gebunden und es werden auch neue „Questen“ angehängt.
Nach der Ansicht von Altertumsforschern geht das Questenfest auf einen uralten heidnischen Brauch zurück, bei dem ein Opferfest zu Ehren eines Sonnengottes gefeiert wurde. Questenberg war früher sehr reich an vorgeschichtlichen Funden. Die Sonne spielte für unsere sehr stark von der Natur und ihren Gewalten abhängigen Vorfahren eine sehr große Rolle.
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Fußnoten:
- Der Dreißigjährige Krieg begann am 23. Mai 1618 mit dem Prager Fenstersturz. Er war eigentlich eine Folge einzelner Kriege an denen sich fast alle westeuropäischen Staatengebilde beteiligten. In seiner Anfangsphase ging es vor allem um konfessionelle Fragen, die durch die Reformation ausgelöst wurden. Im Verlaufe des Krieges nahmen auch nichtdeutsche Anhänger des Katholizismus und des Protestantismus an den Kriegshandlungen teil, was zu einer starken Ausweitung des Krieges führte. Im weiteren zeitlichen Verlauf wurde immer mehr die machtpolitische Komponente des Krieges herausgestellt. Es waren insbesondere die Rivalitäten der nordischen Staaten und Frankreichs gegenüber der deutschen Krone, aber auch territorialdynastische Rivalitäten sowie die Stellung der Stände zum Reich, die auf dem Rücken der deutschen Bevölkerung ausgetragen wurden. Die Folgen für Deutschland waren verheerend: die Bevölkerung ging um gut ein Drittel zurück. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erreichte einen Tiefststand. Der Krieg wurde durch den Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück am 24. Oktober 1648 formal beendet. Die Macht des Kaiser wurde zugunsten der Stände geschwächt und die Zersplitterung des Reiches in souveräne Einzelstaaten zementiert. Die Folge war ein Machtvakuum in Deutschland, das bis 1806 anhielt und weitere Kriege nach sich zog. [☛ zurück]
- Der Siebenjährige Krieg wurde 1756 bis 1763 von Österreich gegen Preußen geführt. Es ging Österreich um die Wiedergewinnung des an Bodenschätzen reichen Schlesiens, das es 1748 an Preußen verloren hatten. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Böhmen und Ungarn, gewann Sachsen, Russland, Schweden, Frankreich und Spanien für einen Krieg gegen Preußen. Unter diesem Druck - ein Angriff war für das Frühjahr 1757 geplant - begann Preußen unter Friedrich II. einen Präventivkrieg gegen Sachsen, der mit dessen Besetzung endete. Nach mehreren teils schweren Rückschlägen konnte sich Preußen - es hatte weitaus weniger Menschen unter Waffen als seine Kriegsgegner und war zeitweise von diesen besetzt - gegen Österreich durchsetzen. Das ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Russland sich 1862 nach dem Tode der Zarin Elisabetha Petrowna aus dem Kriegsgeschehen zurückzog. Ihr Nachfolger, Peter III. war ein Bewunderer Preußens und so schloss er im Mai des Jahres 1862 einen Bündnisvertrag mit Preußen. Damit begann die antipreußische Koalition zu zerbrechen. Der Krieg endete am 15. Januar 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg, bei dem Preußen endgültig der Besitz Schlesiens bestätigt wurde. Gleichzeitig konnte Preußen sich als europäische Großmacht etablieren. In einem Zusatzabkommen sicherte Friedrich II. Österreich zu, Joseph I. mit seiner Kurfürstenstimme bei der Wahl zum römisch-deutschen König zu unterstützen. [☛ zurück]
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