Wüstungen im Harz und dem Harzvorland - Eine kurze Einleitung in die Besiedlungsgeschichte des Mittelalters im Gebiet zwischen Harz und Saale
In früheren Jahrhunderten gab es im Unterharz und seinem Vorland zahlenmäßig wesentlich mehr Siedlungen als heute. Im 10. und 11. nachchristlichen Jahrhundert hatte sich der Mensch durch Rodung und Schwendung (Brandrodung) endgültig seinen Lebensraum auch im Harz geschaffen. Noch heute weisen die Endungen -rode und -schwende verschiedener Ortsnamen auf diese Formen der ackerbaulichen Nutzbarmachung der dichten Wälder hin. Übrigens war auch das östliche Harzvorland, heute insbesondere durch den relativ waldarmen Saalekreis und die ebenfalls waldarme Mansfelder Hochebene repräsentiert, damals bewaldet. Die Menschen mussten also der Natur jeden Quadratmeter Ackerlandes unter schwerer Arbeit in einem langwierigen Prozess abringen.
Auffällig ist, dass insbesondere im Unterharz viele Siedlungen wieder aufgegeben und verlassen, also wüst, wurden. Das Gebiet des ehemaligen Mansfelder Seekreises und des Saalkreises ist weit weniger betroffen. Im Volksmund wurde und wird das Wüstwerden insbesondere auf den Dreißigjährigen Krieg, der in der Region zweifelsohne furchtbar gewütet hat, zurückgeführt. Allerdings war zum Ende dieses Krieges der Wüstungsprozess schon fast zweihundert Jahre abgeschlossen. Auch Seuchen – insbesondere die Pest – wurden für das Wüstwerden der Orte verantwortlich gemacht. Doch was war nun der wirkliche Grund für die Aufgabe der Siedlungsstellen?
Zum einen ist festzustellen, dass die Aufgabe der Orte nicht schlagartig innerhalb eines kurzen Zeitraumes erfolgte. Dieser Prozess hat sich vielmehr über einen Zeitraum von einigen Jahren, manchmal sogar von Jahrzehnten, abgespielt. Weiterhin ist wichtig zu Wissen, dass es zwei große Wellen der Verödung gegeben hat. Die erste Welle fand im 12. Jahrhundert statt, die zweite im 15. und 16. Jahrhundert. Der Hallesche Stadtarchivar und Heimatforscher Erich Neuß hat in /1/ verschiedene historische Quellen bezüglich des Klimas, dem Wüten von Seuchen und der Preisentwicklung ausgewertet. Eine der Quellen war der Chronist Cyriacus Spangenberg, der im Auftrage der Grafen von Mansfeld die Vorgänge in der ehemaligen Grafschaft penibel zusammengetragen hat - und zudem ein Zeitzeuge war.

Bild: Klima- und Teuerungsstatistik der Grafschaft Mansfeld vom 11. bis zum 15. Jahrhundert.
Es fällt auf, dass es im 12. und 15. Jahrhundert besonders viele nasse Sommer und kalte Winter gegeben hat. Da der Unterharz klimatisch ohnehin exponiert und für den Anbau von Getreide nur bedingt geeignet ist, werden wohl auch die nassen Sommer und kalten Winter zum Verlassen der Orte geführt haben. Weiterhin hat insbesondere im 12. Jahrhundert die Landgewinnung in klimatisch günstigeren Lagen, wie der Goldenen Aue, zum Abwandern der Bevölkerung geführt. Auch die ständigen Fehden und kriegerischen Auseinandersetzungen der einzelnen Feudalherren - hier insbesondere die der Grafen von Mansfeld mit den Bischöfen von Halberstadt - haben ihren Beitrag zum Verlassen einiger Orte geliefert. Seuchen, wie etwa die Pest oder die Grippe, haben aber wahrscheinlich nicht zum Wüstwerden ganzer Ortschaften geführt.
Teile diese Seite mit Freunden.
Tweet
Interne Links:
Volkmannrode - Das Rügegericht und die Wüste Kirche
Volkmannrode - Das Rügegericht und die Wüste Kirche
Quellen:
/1/ Neuß, E.:
Besiedlungsgeschichte des Saalkreises
und des Mansfelder Landes
Weimar, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger
1. Auflage 1995
ISBN 3-7400-0921-7
/1/ Neuß, E.:
Besiedlungsgeschichte des Saalkreises
und des Mansfelder Landes
Weimar, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger
1. Auflage 1995
ISBN 3-7400-0921-7
[Home] [Sitemap] [Stichwortverzeichnis] [Impressum]