Schloss Wernigerode im Harz – von der Ritterburg zur fürstlichen Residenz

Hier, an der steil abfallenden Nordflanke des Harzes, ließ Graf Adalbert zu Haimar im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts eine wehrhafte Höhenburg errichten. Erstmals wurde ein castrum zu Wernigerode im Jahre 1113 urkundlich genannt. Jener Graf Adalbert besaß eine kleine Grafschaft in der Nähe von Hildesheim. Wahrscheinlich wurde er unter Heinrich V. – wie andere loyale Adlige auch – im Harz mit Ländereien belehnt, um die kaiserliche Zentralgewalt zu sichern. Dadurch waren die Grafen von Wernigerode Reichsunmittelbare, damit nur dem Kaiser lehenspflichtig und mit Vorrechten, wie dem Münzrecht und der Gerichtsbarkeit, ausgestattet. 1268 schlossen die Grafen von Wernigerode einen Lehensvertrag mit Brandenburg ab, da mit dem Tode Friedrichs II. im Jahre 1250 die Zentralgewalt in Deutschland zu zerfallen begann. Mit dem Tode Heinrichs von Wernigerode im Jahre 1429 starben die Grafen im Mannesstamm aus.


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Ein Erbfolgevertrag regelte die Übernahme der Grafschaft durch die Grafen von Stolberg, die bereits seit 1417 die Grafschaft einvernehmlich mitregierten. Die Stolberger Grafen hielten sich jedoch nur selten in Wernigerode auf und führten die Regierungsgeschäfte lieber von Stolberg aus. Dennoch ließ Graf Botho III. die Burg um das Jahr 1500 umfassend restaurieren und auch insbesondere die Verteidigungsanlagen umfassend ausbauen. Dieser Umstand verhinderte wahrscheinlich, dass die Burg in den Jahren des Bauernkrieges 1524 und 1525 eingenommen wurde. 1541 heiratete Graf Wolfgang von Stolberg-Wernigerode Dorothea von Regenstein, die Tochter des letzten Regensteiner Grafen. Aus Anlass der Hochzeit, die auf Schloss Wernigerode gefeiert wurde, fanden wiederum aufwändige Renovierungsarbeiten statt. Wolfgang von Stolberg-Wernigerode und sein Vater Botho III. reformierten die Grafschaft und 1539 trat Graf Wolfgang zum Protestantismus über.

Mit zunehmender Entwicklung der Militärtechnik verlor die Burg langsam ihre Bedeutung. Die Fortschritte in der Artillerie erschwerten eine Verteidigung erheblich, den die Burg konnte problemlos vom höher gelegenen Agnesberg beschossen werden. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die mittlerweile unbewohnte Anlage durch marodierende Söldnertrupps mehrfach geplündert. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ließen die Grafen die Burg in Folge einer Erbteilung die Burg instand setzen und um einen barocken Flügel erweitern. Graf Christian Ernst, der 1710 Regent über die Grafschaft wurde, regelte die Erbfolge neu, so dass immer der Erstgeborene männliche Nachkomme die Grafschaft erhielt. Weiterhin erneuerte er die Lehensverhältnisse mit Kurbrandenburg. Ihm ist auch die Anlage des Lustgartens unterhalb des Schlosses und die Orangerie zu verdanken. 1746 öffnete er die gräfliche Bibliothek im Schloss für die Allgemeinheit. Er ließ außerdem in der Stadt Wernigerode ein Gymnasium und ein Waisenhaus errichten. Graf Christian Ernst war mit dem Pietisten August Herrmann Francke aus Halle befreundet und hing ebenfalls dieser religiösen Strömung an [1].

Im Jahre 1858 übernahm der Graf und spätere Fürst Otto von Stolberg-Wernigerode die Regierungsgeschäfte. Sein Ehrgeiz und seine Kontakte zum preussischen Königs- und späteren Kaiserhaus ermöglichten ihm eine steile politische Karriere, die bis zur Ernennung des Vizekanzlers des Deutschen Reiches 1878 reichte. 1890 wurde er in den Fürstenstand erhoben. Sein Lebenslauf veranlaßte Otto von Stolberg -Wernigerode bereits 1864 zu einem umfangreichen Umbau der Anlage in ein Repräsentationsschloss im neogotischen Stil. 1930 gab die Familie von Stolberg-Wernigerode das Schloss als Wohnsitz auf und Teile des Schlosses wurden als Museum der Allgemeinheit zugänglich gemacht. 1945 wurden die Fürsten von Stolberg-Wernigerode enteignet. Seit 1949 werden auf dem Schloss ca. 40 Räume als Museum genutzt.

Die Schlossanlage, bei der erhaltenswerte Teile der Burg in die Bausubstanz einflossen, fügt sich noch heute harmonisch in das Landschaftsbild ein. Gemeinsam mit der Fachwerkstadt Wernigerode und den bewaldeten Harzbergen bildet das Schloss eine märchenhafte Kulisse, die jeder Harzreisende gesehen haben sollte.

  1. Der Pietismus ist eine im 17. und 18. Jahrhundert entstandene religiöse Bewegung des deutschen Protestantismus, in deren Mittelpunkt die persönliche Bekehrung und die Umsetzung des Glaubens im täglichen Leben standen. Die Anhänger dieser Lehre sollten sich durch ständige Gewissensprüfungen, Gebete und gute Werke auszeichnen. Ein in Mitteldeutschland berühmter und dort noch heute hoch geehrter Pietist war der in Halle an der Saale lebende August Herrmann Francke, der dort 1695 die gleichnamigen Stiftungen gründete, die aus Waisenhaus, Lehrerseminar und Lateinschule bestand. Viel Freude dürften die Insassen seiner Stiftungen nicht gehabt haben, denn Francke war ein Förderer einer überaus strengen Erziehung. Spielen und Musik waren verboten, statt dessen gab es Bibelstudium und Gebete. Die Erziehungsmethode Franckes beruhte auf der Brechung des Eigenwillens der Kinder. Entsprechend dürfte es in seinen Stiftungen zugegangen sein. Francke kam in das preussische Halle an der Saale, weil er aus dem sächsischen Leipzig vertrieben wurde. Der erste Preussenkönig, Freidrich I., ebenfalls von pietistischer Weltanschauung geprägt, bot ihm in Halle an der Saale optimale Entfaltungsmöglichkeiten. Franckes Erziehungsmethoden werden ihm ein Vorbild gewesen sein. Friedrich der Große schrieb später über seinen Großvater Friedrich I.: “Kurz, er war in kleinen groß und in großen Dingen klein.” []

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