Wilhelm von Humboldt und Hettstedt-Burgörner

Einleitung – Das Gut Burgörner

Bild: Das Humboldt-Schlösschen zu Hettstedt-Burgörner.

Bild: Das Humboldt-Schlösschen zu Hettstedt-Burgörner.

Burgörner – im Tal der Harzwipper gelegen und heute ein Stadtteil der viel größeren Stadt Hettstedt – wurde im Jahre 1342 erstmals urkundlich erwähnt. Der Ort gehörte schon im 14. Jahrhundert zur Grafschaft Mansfeld. Die Bewohner Burgörners waren seinerzeit Bauern, die aber wegen der Nähe zum Kupferberg und zu Hettstedt schon Kontakt zum Bergbau und den Kupferhütten hatten. 1723 legte der aus Leipzig stammende Kaufmann Johann Schwabe in Burgörner den Grundstein der Kupferkammerhütte – heute als ehemalige Bleihütte bekannt.


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Zu jener Zeit gehörte Burgörner der Familie von Posadowski zu Postelwitz, einem altem schlesischen Adelsgeschlecht, das im erzkatholischen Österreich wegen seines protestantischen Glaubensbekenntnisses Repressalien ausgesetzt war – sie durften keine öffentlichen Ämter antreten. Die Posadowskis versuchten deshalb ihr Glück in Preußen. Friedrich Wilhelm von Posadowski trat im Jahre 1700 eine Stelle bei der Regierung in Magdeburg an und durchlief mehrere Posten als Diplomat. 1713 wurde er Geheimer Rat und 1714 war er Obersteuerdirektor und Stiftshauptmann in Quedlinburg. Jener Friedrich Wilhelm von Posadowski kam auf heute nicht mehr nachvollziehbare Weise in den Besitz von Burgörner.

Im Jahre 1721 ließ er das noch heute bestehende Gutshaus – jetzt das Haupthaus des Mansfeld-Museums – errichten. Seine Initialen sowie die seiner Ehefrau Ludomilla von Saurma sind noch heute auf der prachtvollen zweiläufigen Holztreppe im Mansfeld-Museum zu sehen. 1713 wurde seine Tochter Charlotta Ludmilla geboren. Sie wurde 1726 mit Carl Friedrich von Dacheröden verheiratet. Die Familie von Dacheröden stammte aus Thüringen, wo sie mehrere Güter besaßen. Wie viele Adelige zu jener Zeit standen sie im diplomatischen oder militärischen Dienste eines Landesherren.

Auch der besagte Carl Friedrich von Dacheröden wurde frühzeitig auf seine Laufbahn im höheren Staatsdienst vorbereitet. Dazu dienten das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität zu Leipzig und verschiedene Aufenthalte an den Residenzen in Wien, Dresden, Hannover und beim König von Preußen in Berlin. Carl Friedrich von Dacheröden gelang eine glänzende politische Karriere. Er wurde 1738 zum Chef des gesamten preußischen Justizwesens ernannt. Sein Sohn, der jüngere Carl Friedrich von Dacheröden, wurde 1753 durch König Friedrich II. zum Landrat des preußischen Anteils der Grafschaft Mansfeld ernannt.

Carl Friedrich der Jüngere heiratete 1760 die Tochter Ernestine Friederike seines Amtskollegen von Hopfgarten, der den sächsischen Teil der Grafschaft in Eisleben verwaltete. Seine politische Karriere nahm ein jähes Ende, als er sich mit seinen Gedanken – die Wirtschaft betreffend – über die Meinung des Königs von Preußen hinwegsetzte. Carl Friedrich lebte von nun an als Privatier auf seinen Gütern in Thüringen und in Burgörner.

Seine Kinder, Ernst Ludwig Wilhelm und Caroline wurden von einem Privatlehrer und einer Gouvernante erzogen, denn seine Frau Ernestine Friederike starb jung im Jahre 1774. Caroline von Dacheröden muss hochbegabt gewesen sein, denn sie sie versuchte sich als Publizistin. Außerdem rezensierte die Texte der Dichterin Emilie von Berlepsch. Caroline von Dacheröden war eine selbstbewusste Frau und legte höchsten Wert auf gesellschaftliche Anerkennung.

Wilhelm von Humboldt und Caroline von Dacheröden in Burgörner

Bild: Wilhelm von Humboldt.

Bild: Wilhelm von Humboldt.

Wilhelm von Humboldt lernte Caroline von Dacheröden im Jahre 1788 kennen. Humboldt hatte zu dieser Zeit eine Anstellung als Staatsbeamter bei der Regierung von Preußen, die er aber aufkündigte. Am 29. Juni 1791 heirateten die beiden. Sie führten eine recht lockere Ehe: Caroline pflegte zeitweise eine Beziehung zu Wilhelm von Burgsdorff und Wilhelm zur Arztfrau Johanna Motherby im fernen Königsberg. Beide redeten sich mit dem vertraulichen DU an. Als Wohnsitz wählte das junge Paar das Gut in Burgörner bei Hettstedt ausgewählt. Als sie nach Burgörner kamen, fanden sie 42 Wohnhäuser vor, in denen etwa 200 Menschen lebten. Diese hatten etwa 140 Hektar – oder nach damaligen Maßen 560 Morgen – Ackerlandes. Dazu kamen noch etwa 100 Hektar Ackerland, also 400 Morgen, die zum Rittergut gehörten – Wiesen nicht mit eingerechnet.

Bild: Caroline von Dachröden.

Bild: Caroline von Dachröden.

Burgörner war also ein kleines Dorf. Der Inhaber des Rittergutes war gleichzeitig Inhaber des Amtes Burgörner. Interessant ist die Bevölkerungsstruktur des Ortes zu Zeiten Humboldts: 60 % der Erwachsenen konnten Lesen und Schreiben und mehr als die Hälfte der Bewohner waren Kolonisten und damit gegen die Zahlung eines Handgeldes von Frondiensten befreit. Alle Bewohner Burgörners waren persönlich frei und durften ihren Besitz vererben oder verkaufen, hatten jedoch einen Zins an das Amt abzuführen. Auch Frauen – und das ist sicher zu dieser Zeit eine Besonderheit – waren erbberechtigt und hatten Stimmrecht bei Beratungen in der Gemeinde. Dennoch waren die Bewohner Burgörners auch nicht von Abgaben gegenüber dem Staat befreit: Es musste pro Morgen (1/4 Hektar und damit 2500 Quadratmeter) 5 Groschen jeden Monat abgeführt werden. Dazu kamen verschiedene indirekte Steuern wie Besoldungsgelder, Fouragegelder, Schrotsteuern und die Mehrwertsteuer auf verschiedene Produkte.

Für die begüterte Familie des Wilhelm von Humboldt dürfte das kein Problem gewesen sein. Der Hausstand im provinziellen Burgörner schien allerdings für das Ehepaar von Humboldt nicht ausreichend, denn Caroline ließ sich ein Klavier und diverse Gemälde aus Erfurt nachschicken und Wilhelm kaufte in Berlin Möbel. Auch die Köchin in Burgörner konnte den Standards der Humboldts nicht genügen, sie war ihnen offenbar zu einfallslos.

Carolines Bruder schickte deshalb Kochrezepte und auch Lebensmittel, die in Hettstedt nicht aufzutreiben waren, in die Provinz. Auch der in Burgörner ausgeschenkte Wein schien den beiden nicht zu schmecken, denn man ersuchte bei der Verwandtschaft in Erfurt um die Zusendung eines besseren Tropfens. Wilhelm von Humboldt war offenbar ein besonderer Feinschmecker.

Trotz der vermeintlichen Probleme auf Gut Burgörner pflegte die Familie von Humboldt einen Lebensstil, der sehr auf soziale Kontakte ausgerichtet war. Heute würde man das neudeutsch als Networking bezeichnen. Besonders häufig wurden Bergbeamte aus Halle , Wettin und Rothenburg an der Saale eingeladen. Daneben waren auch Pastoren, Amtmänner und städtische Beamte zu Gast bei den Humboldts.

Auch der Oberförster war ein gern gesehener Gast, denn er brachte oft das begehrte Wildbret mit. Ansonsten vertrieb man sich die freie Zeit mit Theaterbesuchen in Mansfeld und dem Kirchgang in Hettstedt. Besonders Caroline schien es in Burgörner zu gefallen, denn schrieb an ihren Bruder: „und die ganze Gegend sieht wunderbar aus, vor allem der Kirchberg mit der alten Ruine erscheint wunderbar schön“.

Wilhelm von Humboldt nutzte die Einsamkeit und Ruhe auf Gut Burgörner zur intensiven Arbeit. Hier in Burgörner entwickelte Wilhelm von Humboldt den auch heute mehr denn je aktuellen Gedanken, dass der Staat viel zu tief in die Verhältnisse der Bürger eingreift – obwohl es seine einzige Aufgabe ist, den gerade notwenigen Schutz der Bürger zu garantieren.

Bild: Auf dem Gelände des Humboldt-Schlösschen in Hettstedt-Burgörner befindet sich heute das Mansfeld-Museum. Bild © 2009 by Bert Ecke.

Bild: Auf dem Gelände des Humboldt-Schlösschen in Hettstedt-Burgörner befindet sich heute das Mansfeld-Museum.
Bild © 2009 by Bert Ecke.

Bild: Die Büste des Wilhelm von Humboldt vor dem Humboldt-Schlösschen in Hettstedt-Burgörner. Bild © 2009 by Bert Ecke.

Bild: Die Büste des Wilhelm von Humboldt vor dem Humboldt-Schlösschen in Hettstedt-Burgörner.
Bild © 2009 by Bert Ecke.

Wilhelm von Humboldt und seine Zeitgenossen

Die Familie von Dacheröden gehörte zu den vornehmsten Familien in Erfurt und hatte damit einen großen Bekanntenkreis. Auch Wilhelm von Humboldt wurde als Schwiegersohn in die höchsten gesellschaftlichen Kreise eingeführt. Mit Karl Theodor Maria von Dalberg, der als Nachfolger des Kurfürsten von Mainz gehandelt wurde, pflegte Humboldt eine ausgiebige Korrespondenz. Humboldt machte sich offenbar Hoffnungen auf einen Regierungsposten in Mainz.

Dalberg war ebenfalls Humanist, konnte aber als designierter Kurfürst mit seinen Ideen nicht soweit gehen, wie Humboldt. Nach 1793 nahm daher das Interesse an einander ab. Aus der politischen Karriere am Hofe zu Mainz wurde daher nichts. Durch Caroline von Dacheröden, deren enge Freundin Charlotte von Lengefeld seit 1790 mit Friedrich von Schiller verheiratet war, lernte Wilhelm von Humboldt auch den großen Dichter kennen. Schiller und Humboldt verband eine echte Freundschaft.

Auch mit Johann Wolfgang von Goethe war Wilhelm von Humboldt bekannt. Die Charaktere der drei Männer hätten allerdings nicht unterschiedlicher sein können. Goethe und Schiller waren die Dichter, die ausgezeichnet formulieren konnten. Humboldt hingegen war der messerscharfe Analytiker, der zum Beispiel Napoleon Bonapartes potentielle Gefährlichkeit schon sah, als dieser noch als großartiger Reformer gefeiert wurde.

Burgörner und die Industrie zu Humboldts Zeiten

Burgörner ist ein alter Bergarbeiterort. Um das Jahr 1800 war das Gut Burgörner von preußischen und sächsischen Schachtanlagen umgeben. Die Kupferkammerhütte und die Gottesbelohnungshütte befanden sich in unmittelbarer Nähe zum Gut. Auf der Preußischen Hoheit oberhalb Burgörners stampfte bereits seit 1785 die erste Dampfmaschine und sorgte für die Entwässerung der Schachtanlagen.

Bild: Risszeichnung der Hettstedter Dampfmaschine. Dieses Bild ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Bild: Risszeichnung der Hettstedter Dampfmaschine.
Dieses Bild ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Der Bauinspektor Carl-Friedrich Bückling, einer der Initiatoren der Dampfmaschine, gehörte zum engeren Freundeskreis Wilhelm von Humboldts. Wilhelms Bruder Alexander besuchte deshalb im Jahre 1791 Burgörner, wo er den Jacob-Adolph-Stollen vom 7. Lichtloch aus befuhr. Auch für Wilhelm von Humboldts Enkel und Urenkel gab es nichts schöneres, als einen Besuch der Hochöfen und eine Befahrung der geheimnisvollen und dunklen Schächte, die ein insgeheimes Grauen aber auch eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Kinder ausübten.

Wilhelm von Humboldts Erben

Bild: Adelheid und Gabriele von Humboldt.

Bild: Adelheid und Gabriele von Humboldt.

Der Ehe Wilhelm von Humboldts mit Caroline von Dacheröden entstammten insgesamt acht Kinder, von denen allerdings drei bereits im Kindesalter starben: Wilhelm (1794 – 1803), Luise (1804) und Gustav (1806 – 1807). Theodor wurde 1797 geboren. Auch er erkrankte als Kind schwer, konnte aber gerettet werden. In den Napoleonischen Kriegen meldete er sich als Freiwilliger – gegen den Willen seiner Eltern. Auch die Verlobung mit Mathilde von Heinicken wurde gegen den Willen der Eltern vollzogen. Erst später haben sich und Caroline wider mit ihrem Sohn versöhnt. Theodor starb 1871 – im Jahre der Reichsgründung. Hermann war der letztgeborene Sohn der Humboldts. Er lebte von 1809 – 1870. Er ging nach Schlesien und lebte dort als Gutsherr. Seine Kinder heirateten in dort etablierte Adelsfamilien ein, unter anderem in die Familien von Rundstedt und von Leventzow. Wilhelm von Humboldt hatte drei Töchter: Caroline (1792 – 1837), Adelheid (1800 – 1856) und Gabriele (1802 – 1887). Caroline von Humboldt blieb unverheiratet.

Adelheid heiratete im Alter von nur 15 Jahren August von Hedemann, der später bis zum Generalleutnant aufstieg. Gabriele heiratete 1821 den preußischen Gesandten und späteren Außenminister Heinrich von Bülow. Das Gut wurde zuerst von Adelheid und nach derem Tode von Gabriele verwaltet. Unter Gabriele von Bülow änderte sich das Verhältnis zu den Bergbau- und Kupferunternehmungen um Burgörner. Der technische Fortschritt forderte seine Opfer – diesmal beim Landadel.

Die Kleinbahn durchschnitt die Felder der von Bülows, Bergbauhalden breiteten sich unaufhaltsam auf, der Grundwasserspiegel sank und die schwarzen Dämpfe aus den Schloten legten sich über die Felder. Nicht zuletzt wurde in den Schächten und Hütten besseres Geld verdient, als in der Landwirtschaft. Daher sah sich Gabriele von Bülow im Jahre 1885 gezwungen, das Gut Burgörner an die Mansfeldsche Kupferschieferbauende Gewerkschaft zu verkaufen.

Die Gewerkschaft ließ das Schloss instand setzen. Zuerst fanden im Schloss im halbjährlichen Rhytmus die Deputiertenversammlungen – vergleichbar mit den Vorstandssitzungen einer Aktiengesellschaft – statt. Ab 1908 war Schloss Burgörner der Sommersitz des Oberberg- und Hüttendirektors. Heute befindet sich im Schloss – es wird auch Humboldt-Schlösschen genannt – das Mansfeld-Museum mit einzigartigen Exponaten zur Bergbau- und Industriegeschichte der Region sowie eines originalgetreuen Nachbaues der ersten deutschen Dampfmaschine Wattscher Bauart.

Bild: Exponate auf der Freifläche des Mansfeld-Museums. Im Hintergrund das Schloss Burgörner. Bild © 2009 by Bert Ecke.

Bild: Exponate auf der Freifläche des Mansfeld-Museums. Im Hintergrund das Schloss Burgörner.
Bild © 2009 by Bert Ecke.

Externe Links:
Wilhelm von Humboldt – WIKIPEDIA
http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt
Caroline von Humboldt
http://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_von_Humboldt
Historische Informationen über Hettstedt Burgörner
http://www.hettstedt-burgoerner.de

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