Köhlerei und Kupferschieferverhüttung im Unterharz

Bild: Der sagenhafte Bergknappe Nappian.

Bild: Der sagenhafte Bergknappe Nappian.

Der Sage nach sollen die beiden aus Sachsen stammenden Bergknappen NAPPIAN und NEUCKE um das Jahr 1200 nach Christus auf dem Kupferberg bei Hettstedt das erste Kupferschiefer gefunden haben. Damit begann für das Vorharzgebiet eine über Jahrhunderte anhaltende wirtschaftliche Blütezeit, die erst mit den Wassereinbrüchen in den Schächten des Mansfelder Reviers im Jahre 1967 und im Sangerhäuser Revier nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 endete. Untrennbar mit der Aufbereitung des Kupferschiefers zu Kupfer und Silber ist die Köhlerei verbunden.

Bild: Der sagenhafte Bergknappe Neucke.

Bild: Der sagenhafte Bergknappe Neucke.

Über Jahrhunderte war die Holzkohle die einzige Energiequelle zur Verhüttung und Aufbereitung des Kupferschiefers. Die Wälder des Unterharzes mit ihrem reichen Bestand an alten Buchen waren geradezu prädestiniert als Lieferant der Holzkohle. So ist es nicht verwunderlich, dass die Köhlerei bis in die ersten Jahre der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus Hochkonjunktur hatte. Holzkohle ist heute ein triviales und industriell hergestelltes Gut, das wir zumindest privat eigentlich nur noch zum Grillen benutzen und das zur Grillsaison in jedem Baumarkt und bei jedem Lebensmitteldiscounter zu Schleuderpreisen und leider auch in teils zweifelhafter Qualität zu haben ist.

Früher war die Herstellung der Holzkohle ein echtes und sehr schwieriges Handwerk und der Köhler war in seinem Beruf zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Viele Köhler verunglückten bei der Bereitung der Holzkohle, weil sie in die erdgedeckten Meiler einbrachen und sich dabei oft tödliche Verbrennungen zuzogen. Nicht zuletzt hatten die Köhler beim gemeinen Volk auch den Ruf der schwarzen Magie. Das Leben der Köhler war ein sehr einfaches und einsames. Da sie ihre Meiler immer unter Beobachtung halten mussten, lebten sie im Wald weit abseits der Dörfer – in einfachen zeltartigen Holzhütten, den sogenannten Koten. Der Arbeitstag der Köhler betrug oft 12 bis 14 Stunden.

Ein Nachbau einer solchen Köhlerhütte oder Kote kann an der alten und einst holzgepflasterten Kohlenstraße [1], die von der Landesstraße L230 zwischen Wippra und Sangerhausen rechter Hand auf der höchsten Stelle abzweigt, besichtigen. Diese Hütte zeigt eindrucksvoll, wie einfach die Köhler einst leben mussten – und das bei Wind und Wetter, im Sommer wie im Winter. Für die Hütten in Mansfeld, Leimbach, Hettstedt und Eisleben hatte die Lieferung der Holzkohle eine existenzielle Bedeutung – und auch für die Bewohner des Unterharzes. Der Inhaber des waldreichen Amtes Rammelburg erklärte noch im Jahre 1795: „… daß fast alles Holz verkohlt werden müsse, und daß, falls einmal das Mansfelder Bergwerk in Verfall geriete oder ganz cessierte, das Amt Rammelburg ganz ohne Wert wäre …“ (Quelle /1/).

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte - der sogenannten Kote - und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte – der sogenannten Kote – und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte - der sogenannten Kote - und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte – der sogenannten Kote – und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte - der sogenannten Kote - und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Bild: Nachbau einer Köhlerhütte – der sogenannten Kote – und eines Holzkohlemeilers an der Kohlenstraße bei Wippra.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Geschichte der KLAUS – oder der alten CLAUSE – an der Harzhochstraße, der heutigen Bundesstraße B242. An der Stelle des heutigen Hotels und Restaurants RAMMELBURGBLICK, zwischen Saurasen und dem Abzweig der B242 nach Rammelburg, hatte nach dem Buch MANSFELDISCHE CHRONICA des Cyriacus Spangenberg einst ein Eremit eine einfache Hütte errichtet, um sich “ … vor den wilden Thieren und dem Ungewitter behelfen (zu) können…“ (Quelle /2/). Dieser Eremit soll von den Holzkohlefahrern immer wieder eine Handvoll Holzkohlen bekommen haben, um “ … sich dabey zu warmen, oder eine Suppen zu machen …“ (Quelle /2/).

Der Eremit an der noch heute so genannten Klausstraße soll im Laufe der Zeit soviel Holzkohlen bekommen haben, dass er er die überschüssigen verkaufen konnte. Ob diese Geschichte der Wahrheit entspricht, kann heute nicht mehr geklärt werden. Die Grafen von Mansfeld als Grundherren haben jedenfalls an der KLAUS eine Zollstelle errichten lassen. Hier musste jeder Holzkohlefahrer – sofern er nicht aus dem Amt Rammelburg kam – eine Maß Kohlen von jedem Fuder als Einfuhrsteuer abgeben. Cyriacus Spangenberg nennt ein “ Füllfass“ (Quelle /2/). Das Steueraufkommen dürfte beträchtlich gewesen sein, denn Spangenberg schreibt: “ … (denn diese Straße stehet weder Tag noch Nacht ledig) …“ (Quelle /2/). Im ersten Drittel des 16. Jahrhundert betrug der Verkaufserlös der aus dem Zoll gewonnenen Holzkohle immerhin zwischen 400 und 600 Gulden im Jahr [2].

Bild: Die Klausstraße zwischen Saurasen und Mansfeld im Jahre 2007. Im Hintergund sind die Kegelhalden des Otto-Brosowski-Schachtes (links) und des Thälmann-Schachtes zu sehen. Bild © 2007 by Bert Ecke.

Bild: Die Klausstraße zwischen Saurasen und Mansfeld im Jahre 2007. Im Hintergund sind die Kegelhalden des Otto-Brosowski-Schachtes (links) und des Thälmann-Schachtes zu sehen.
Bild © 2007 by Bert Ecke.

Der Bedarf an Holzkohle war beträchtlich. Für das Jahr 1510 liegen konkrete Zahlen vor: In diesem Jahr wurden in der Grafschaft Mansfeld 23.000 Zentner – auf heutige SI-Maßeinheiten umgerechnet etwa 1.150 Tonnen – Rohkupfer produziert. Dazu waren 62.500 Fuder („Fuhren“) Holzkohle erforderlich. Wenn man das Fassungsvermögen eines damaligen Pferdefuhrwerkes mit knapp 3 Kubikmetern zugrunde legt, kommen bei der geringen Dichte und Schüttdichte der Holzkohle damit etwa 45.000 Tonnen zusammen . Das entspricht einem Holzeinsatz von über 110.000 Tonnen allein im Jahre 1510 nur für Holzkohle!

Schon im 16. Jahrhundert waren daher weite Transportwege für die Beschaffung der Holzkohle nötig. Fuhrwerke karrten die Kohle bis aus Stiege in die Mansfelder Rohhütten und so waren allein die Transportkosten sehr hoch. Die Holzkohle kostete den Hütteninhabern damals insgesamt 100.000 Gulden im Jahr, und die Kostenverteilung war in etwa folgende (Quelle /3/):

  • 35.000 Gulden betrug der Jahreslohn aller Köhler
  • 28.000 Gulden betrug der Jahreslohn aller Fuhrleute
  • 22.000 Gulden erhielten die Fuhrleute insgesamt pro Jahr für die Unterhaltung ihrer Gespanne
  • 15.000 Gulden betrugen die Kosten pro Jahr für den Holzeinschlag
Bild: Verteilung der Kosten für den Holzkohlebedarf der Hütten in der Grafschaft Mansfeld um das Jahr 1510.

Bild: Verteilung der Kosten für den Holzkohlebedarf der Hütten in der Grafschaft Mansfeld um das Jahr 1510.


In den oben genannten Holzmengen nicht eingerechnet sind die ebenfalls beträchtlichen Verbrauche für den Ausbau der Schächte und das damals übliche Feuersetzten für die Gewinnung des Kupferschiefers, ebenso die Hölzer für die Produktion von Werkzeugen für Bergbau und Hütten. So ist es nicht verwunderlich, dass ganze Landstriche im Unterharz für die Gewinnung der Holzkohle abgeholzt wurden. Der Transport der lebenswichtigen Holzkohle vom Köhler zu den Rohhütten war zweifellos zu jener Zeit eine logistische Meisterleistung.

Den Menschen an der Klausstraße des 16. Jahrhunderts dürfte der Treck der Holzkohlefuder wie eine biblische Verheißung vorgekommen sein. Zu Spitzenzeiten sollen alle eineinhalb Minuten Fuhrwerke an der Zollstelle der Klaus vorgefahren sein (Quelle /3/). Die gleiche Menge an Fuhrwerken fuhr auf der Gegenseite der Straße wieder leer in den Harz zurück. Angesichts der damaligen Straßenverhältnisse, die im regnerischen Spätherbst und zeitigem Frühling sowie schneereichen Wintern keinen Fuhrbetrieb zuließen, kommt kein Zweifel an diesen Zahlen auf. Es dürfte in Europa wohl kaum eine Überlandstraße mit einer ähnlichen Verkehrsdichte gegeben haben!

Die Zolleinnahmen für die Holzkohle stiegen und fielen im Laufe der Jahre mit dem Bedarf der Hütten und waren damit auch abhängig von der Kupferproduktion. Im Laufe des Dreißigjährigen Krieg verfielen Bergbau und Hüttenwesen und damit ging auch der Holzkohlebedarf zurück. Aus dem Amt Rammelburg wurden nur noch für etwa 1000 Gulden Holzkohlen verkauft und der Zoll aus den Kohlefuhren des nicht Mansfeldisch verwalteten Harzes sank auf 400 Gulden im Jahr, nach dem Kriege sogar auf 300 Gulden pro Jahr. Erst nach 1671 wurden wieder die alten Zollquoten des 16. Jahrhunderts erreicht.

Eine freie Marktwirtschaft, nach der die Nachfrage den Preis eines Produktes bestimmt, gab es damals für die im Unterharz produzierte Holzkohle nicht. Der Preis für die Holzkohle wurde per Vertrag langfristig, und das nicht im heutigen Sinne über Monate, sondern über Jahrzehnte, festgesetzt – und zwar von den Mansfelder Gewerkschaften als Aufkäufer. Die Grafen von Mansfeld gingen wegen ihres Kinderreichtums und der damit verbundenen Erbteilungen 1570 in den Konkurs, wurden sequestriert und unter Zwangsverwaltung gestellt. Für die Forstverwaltungen der sequestrierten Grafschaft Mansfeld war der festgeschriebene Preis für die Holzkohle letztlich ruinös, zumal er wegen einer Klage der Gewerkschaften gegenüber der Forsten gerichtlich bestätigt wurde.

Im Jahre 1832 wurden deshalb die sequestrierten Forsten der Grafschaft Mansfeld an die Mansfeldsche Kupferschieferbauende Gewerkschaft verkauft [3]. Die Produktion von Holzkohle aus den Forsten des Unterharzes ging in den Folgejahren stark zurück. Ob dies allein den neuen Besitzverhältnissen oder auch dem technischen Fortschritt geschuldet ist, sei dahingestellt. Die Gewerkschaft kaufte Steinkohlezechen im Ruhrgebiet und die Forstbetriebe des Unterharzes, unter denen insbesondere die gewerkschaftlichen Förstereien Bräunrode und Braunschwende genannt seien, spezialisierten sich immer mehr auf die Bereitstellung von hochwertigen Hölzern für den Grubenbau.

Bräunrode: Das Grab des Oberforstmeisters Deeke im Jahre 2006. Das Foto hat historischen Charakter, denn die Grabstätte auf dem Friedhof von Bräunrode ist heute verfallen und weitgehend unkenntlich.

Bräunrode: Das Grab des Oberforstmeisters Deeke im Jahre 2006. Das Foto hat historischen Charakter, denn die Grabstätte auf dem Friedhof von Bräunrode ist heute verfallen und weitgehend unkenntlich.

Wie so oft in der Technikgeschichte ging eine jahrhundertealte Tradition innerhalb kurzer Zeit unwiderruflich zu Grunde …

Quellenangabe:
/1/ Schotte, H.:
„Rammelburger Chronik“
Verlag Steffen Iffland Nordhausen
2. Auflage 2006
ISBN 3-9808937-6-6

/2/ Spangenberg, C.:
„Mansfeldische Chronica – Der vierte Teil. Das 3. Buch“
Naumburger Verlagsanstalt
2007
ISBN 978 3 86156 026 5

/3/ NN:
„Zwischen Saale und Harz – Mansfelder Land“
Horb am Neckar 1993
Geiger-Verlag
ISBN: 3-89264-756-9

  1. Vom einstigen Holzpflaster auf der Kohlenstraße, die rechter Hand an der Landesstraße L230 zwischen Wippra und Sangerhausen auf der höchsten Stelle abbiegt, ist heute leider nichts mehr zu sehen. Vor etwa 20 Jahren war das Holzpflaster noch auf einigen Teilstrecken vorhanden. Das Pflaster wurde durch vertikal gesetzte Holzabschnitte mit einem Durchmesser von – soweit mir erinnerlich – etwa 50 Millimeter aus Buche gesetzt. Damit wurde auch Kronenholz, das weder im Bergbau noch für die Holzkohlebereitung geeignet war, genutzt. Wer die Bodenbeschaffenheit de Unterharzes kennt, weiss, welche Erleichterung das Holzpflaster für die Fuhrbetriebe bei Nässe bedeutete. Die Pferde mussten ihre schwere Last nicht mehr durch knietiefen Morast ziehen und ein einigermaßen witterungsunabhängier Kohletransport zu den Hütten war möglich. []
  2. Später wurde durch die Grafen von Mansfeld nicht nur Holzkohle besteuert, sondern auch Rinder, Schweine und Feldfrüchte. Lediglich aufbereitetes Holz, wie etwa Bretter, waren von einer Einfuhrsteuer ausgenommen. []
  3. Der Verkauf der Förstereien an die Mansfeldische Kupferschieferbauende Gewerkschaft ist der Grund, weshalb sich heute im Ostharz nach der Enteignung der MANSFELD AG im Jahre 1945 – anders als in anderen Teilen von Deutschland – weite Waldflächen in Besitz des Staatsforstes befinden. []

Über Birk Karsten Ecke

Geboren im Unterharz - wie fast jeder meiner Generation in Wippra / Südharz. Mein Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren die bayerische Landeshauptstadt München, dennoch fühle ich mich meiner "alten Heimat" dem Mansfelder Land sowie dem Harz und dem Harzvorland nach wie vor eng verbunden. Neben der Fotografie interessiere ich mich für die deutsche Geschichte von der Frühzeit bis in die Gegenwart.

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