Otto II. und Theophanu

Otto II. war der Sohn Kaiser Ottos I. – jenes berühmten Mannes, der es schaffte, die fürchterlich wütenden Ungarn aus Mitteleuropa zu vertreiben. Im Alter von nur sechs Jahren wurde er 961 auf Wunsch seines Vaters in Aachen zum Deutschen König gekrönt. Otto I. begab sich in diesem Jahr nach Italien, da er nach der Kaiserwürde strebte. Die war aber nur durch einen Krieg zu erringen, und es war die Pflicht des Königs in erster Reihe zu kämpfen. Die Kämpfe waren hart, die Alpenüberquerung gefährlich und jede noch so kleine Verwundung konnte den Tod bedeuten. Kurzum, die Einsetzung seines Sohnes als Mitkönig sicherte wenigstens die Familienmacht. Sechs Jahre später ließ sein Vater ihn in Rom zum Mitkaiser krönen.

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Obwohl Otto I. eher der pragmatische und oft etwas polterige Herrschertyp war, des Schreibens und Lesens unkundig, ließ er seinem Sohn eine ausgezeichnete Ausbildung zukommen. Diese Ausbildung prägte den jungen Otto und so wurde er später zum Förderer von Kunst und Kultur. Sicher war er damit im damaligen Deutschland eine große Ausnahme. Daneben war aber für einen Adeligen auch eine gute Waffenausbildung enorm wichtig, denn selten wurden Konflikte diplomatisch gelöst und Bündnisse waren brüchig und wechselten oft. Außerdem hatten die Herrscher damaliger Zeiten immer mit Aufständen und Intrigen zu kämpfen, so dass sie ihre Macht immer wieder aufs neue sichern mussten. Dazu war, wie bereits erwähnt, neben einer starken und waffenstarrenden Armee auch die Beherrschung rhetorischer, philosophischer und religiöser Themen sowie eine gewisse Ausstrahlung, also Charisma, enorm wichtig. Otto II. konnte all diese Eigenschaften in sich vereinigen.

Für seinen Vater gab es nun nur noch ein Ziel: eine standesgemäße Hochzeit. Die Braut musste von kaiserlichem Geblüt sein und deshalb kam nur die Tochter des Kaisers von Byzanz in Frage. Im Jahre 967 erschien eine byzantinische Gesandtschaft bei Otto I., allerdings nicht, um die Heirat der Kaisersohnes mit der Kaisertochter zu verhandeln. Den Gesandten ging es um die Machtansprüche in Süditalien, das für beide Staaten von besonderem Interesse war.

Otto I. reagierte sofort, und bot die Hochzeit seines Sohnes mit Anna, der erstgeborenen Tochter des byzantinischen Kaisers Nikephoros Phokas an. Für den jedoch war dieser Vorschlag eigentlich unannehmbar. Unter der Bedingung, dass ihm Otto I. jedoch den größten Teil Italiens überlassen würde, willigte der byzantinische Kaiser ein. Für Otto I. wiederum war das unannehmbar und er erklärte Byzanz den Krieg. Die Deutschen fielen in Süditalien ein und zeichneten sich dort durch besondere Grausamkeit aus.

Inzwischen wurde Nikephoros ermordet, ein Schicksal, dass viele byzantinische Kaiser ereilte. Sein Nachfolger Johannes Tzimiskes, zugleich Kaisermörder, machte den Weg für eine deutsch-byzantinische Hochzeit frei. Er schickte jedoch nicht Anna, sondern seine schöne und erst fünfzehnjährige Nichte Theophanu nach Rom, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte. Die Wahl seiner Nichte als deutsche Kaisergattin war außerordentlich geschickt, denn so verhinderte Johannes Tzimiskes eventuelle Erbansprüche auf den byzantinischen Thron.

Die Hochzeit Ottos II. mit Theophanu war, wie fast alle Ehen hoher Würdenträger zu damaliger Zeit, eine reine Vernunftehe. Durch diese Ehe wurde die Existenz des Deutschen Kaisers seitens Byzanz anerkannt. Umsonst gab es diese Ehe aber nicht: Theophanu bekam die Hoheitsrechte über fünf Pfalzen, die Grafschaft Pescara, die Abtei von Nivelles, ganz Istrien sowie Provinzen in Norddeutschland. Damit war Theophanu die reichste Frau des Heiligen Römischen Reiches.

Bild: Otto II. und Theophanu erhalten die Kaiserkrone aus den Händen Christi. Dieses Bild steht unter der GNU Free Documentation Licence.

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Die Hochzeit wurde im Jahre 972 am Sonntag nach Ostern in der Peterskirche zu Rom durch den Papst vollzogen. Die Deutschen nahmen ihre neue Kaiserin nur unwillig auf, denn zu groß waren die Unterschiede zwischen ihnen und Theophanu. Die Großstädterin Theophanu konnte sich kaum im unwirtlichen Deutschland mit seinem rauen Klima, seinen endlosen Wäldern und Sümpfen einleben. Die Sprache, die Sitten und auch die Mentalität der Deutschen waren ihr mehr als fremd. Dennoch gelang es ihr, sich im Laufe der Jahre anzupassen. So konnte sie sich wenigstens den Respekt ihrer Zeitgenossen erwerben, auch wenn es besonders mit dem Klerus immer wieder zu Spannungen kam.

Kurz nach dem Tode Ottos I. im Jahre 973 kam es zu ersten Aufständen gegen neuen Kaiser. Besonders der Bayernherzog Heinrich II., ein Vetter Ottos II., lehnte sich auf. Heinrich wurde unterworfen und als Herzog abgesetzt. Damit hatte der junge Otto seine erste Bewährungsprobe bestanden. Auch im Norden des Reiches kam es zu einer bedrohlichen Situation. Hier hatte Otto es mit den Wikingern zu tun, einem Stamm der für seine kriegerischen Ambitionen bekannt war. Obwohl die Wikinger zu ihrem Schutze ein mächtiges Wallsystem aufgebaut hatten, konnte sie Otto I. bei Haitabu im heutigen Schleswig-Holstein vernichtend schlagen und wieder tributpflichtig zu machen.

Kurze Zeit später meldete auch Frankreich Ansprüche auf Lothringen an. Herzog Lothar, ein Karolinger und blutsverwandter Ottos, plante die Geiselnahme Ottos II. Er wollte den Deutschen Kaiser gegen Lothringen auslösen. Die Deutschen Kaiser waren im Frühmittelalter mit ihrem ganzen Hofstaat im Deutschen Reich unterwegs. Eine feste Hauptstadt gab es nicht, Hof wurde in Pfalzen gehalten. Als Otto II. mit Theophanu auf dem Weg nach Aachen war, kam die Stunde Lothars. Er setzte eine Schar vertrauter in dorthin in Bewegung. Otto II. und Theophanu waren gerade in Aachen angekommen, als Meldereiter mit der Botschaft eintrafen, dass sich ein gewaltiges Heer auf die Stadt zu bewegte. Dem jungen Kaiser blieb nur die Flucht. Aachen jedoch wurde Opfer der wütenden Truppen Lothars.

Diese Schmach konnten die Deutschen nicht auf sich beruhen lassen und so wurde Frankreich formal der Krieg erklärt. Mit angeblich dreißig tausend Reitern wurde Frankreich besetzt und Paris belagert, ohne nennenswerten Erfolg. Otto II. bot Lothar zwar eine Feldschlacht an, die dieser jedoch ablehnte. Lothar seinerseits beharrte auf einem Zweikampf zwischen ihm und dem Kaiser, was aber für die deutschen Ritter nicht akzeptabel war. So ging diese Belagerung aus, wie viele vor und nach ihr. Otto zog sich, nachdem alle Vorräte verbraucht und seine Truppen krank und erschöpft waren, zurück. Dabei blieben ihm die Franzosen dicht auf der Fährte und raubten obendrein den Tross der Deutschen.

Im Jahre 980 wurde der zukünftige Thronfolger Otto III. geboren und im gleichen Jahr zog Otto II. mit seiner Familie und einem starken Ritterheer nach Italien. Sein Ziel war es, das ganze Land bis hinunter nach Sizilien unter seinen Einfluss zu bringen. In Sizilien jedoch saßen mittlerweile die Sarazenen und terrorisierten von dort aus den Süden Italiens. Außerdem wurde durch einen Bürgerkrieg in Byzanz die Familie seiner Frau Theophanu entmachtet, so dass Otto II. sich nicht mehr an die Abmachung mit den Byzantinern, die bisher den Südteil der Halbinsel besaßen, gebunden sah.

Bild: Otto der II. oder Otto der III. Dieses Bild ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Bild: Otto der II. oder Otto der III.
Dieses Bild ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Zwei Jahre später standen sich deutsche Ritter und sarazenische Krieger am Golf von Tarent gegenüber. Die schwer gepanzerten Reiter des Kaisers müssen verheerend auf die Moral der Sarazenen gewirkt haben, denn diese räumten umgehend und kampflos die Stadt Rossano. Dort wurde sofort für Theophanu und Otto III. Quartier gemacht. Wenige Tage später wurden Teile der flüchtenden Sarazenen am Cap Colonne von den Rittern Ottos vernichtend geschlagen.

Durch diesen Sieg leichtsinnig geworden, zogen die Ritter ohne jegliche Vorsichtsmaßnahme weiter und gerieten prompt in einen sarazenischen Hinterhalt. Dabei sollen Tausende gefallen oder in die Sklaverei geraten sein. Otto II. konnte fliehen und schaffte es bis zu einem byzantinischen Schiff, dessen Kapitän ihn nach Byzanz bringen wollte. Durch eine List – er bot dem Kapitän an, sein gesamtes Vermögen mit nach Byzanz zu nehmen – konnte er wiederum der Gefangenschaft entgehen. Als das Schiff vor Rossano ankerte, konnten Truppen des Kaisers das Boot einnehmen und ihren Herren befreien.

Bild: Theophanu.

Bild: Theophanu.

Theophanu, die sich inzwischen ihrer gesellschaftlichen Stellung bewusst war, hat ihrem Mann diese verlorene Schlacht nicht verziehen, ja ihn sogar verhöhnt. Die Sarazenen räumten trotz allem Süditalien und zogen sich nach Sizilien zurück. Bei den anderen Nachbarn der Deutschen hinterließ diese verlorene Schlacht aber ein gewachsenes Selbstbewusstsein. Das Image des unschlagbaren Ritters war erst einmal dahin und insbesondere die Slawen versuchten nun, die verhasste deutsche Herrschaft los zu werden. Slawische Krieger verwüsteten Hamburg und Havelberg, ja bedrohten selbst die Kaiserstadt Magdeburg.

Erst hier gelang es deutschen Rittern die Slawen in einer Schlacht am Fluss Tanger nördlich von Magdeburg in die Flucht zu schlagen und die Ostgrenze des Reiches wieder zu sichern. Während seine Ritter bluteten hielt sich Otto II. in Rom auf, um einerseits einen neuen Papst zu ernennen und andererseits Pläne zu schmieden, wie er Sizilien erobern könnte. Sein Ansehen bei den Deutschen befand sich auf einem Tiefpunkt.

Plötzlich erkrankte Otto II. sehr schwer an einer Stuhlverstopfung. Diese wurde mit Aloe behandelt. Der Kaiser jedoch nahm weit höhere Dosen, als erlaubt, und so kam es zu einem nicht mehr zu stoppenden Durchfall und später zu schweren Darmblutungen. Am 7. Dezember 983 starb er im Alter von nur 28. Jahren. Otto II. wurde im Petersdom in Rom beigesetzt. Am Weihnachtsabend des Jahres 983 wurde der erst dreijährige Otto III. in Aachen zum König gewählt.

Seine Mutter Theophanu und seine Großmutter Adelheid übernahmen die Regentschaft. Die zwei Frauen waren charakterlich so verschieden, dass sie eigentlich nicht zusammen passen konnten. Adelheid, die Mutter Ottos II. war Mitte fünfzig und eine fanatische Frömmerin, lebte in strenger Askese und gab all ihren Besitz der Kurie. Entsprechend gute Verbindungen hatte sie zur Kirche. Theophanu hingegen war der Beschreibung nach eine Schönheit, jung, gebildet und lebenshungrig. Entsprechend aufwändig war ihr Lebensstil und die Kirche betrachtete sie in bester byzantinischer Tradition als eine Institution, die ihr zu dienen hatte.

Bild: Otto III., der Sohn und Erbe Ottos II. Dieses Bild steht unter der GNU Free Documentation Licence.

Bild: Otto III., der Sohn und Erbe Ottos II.
Dieses Bild steht unter der GNU Free Documentation Licence.

Eine nicht leichte Verpflichtung hatten sie sich die beiden Frauen aufgeladen, denn bereits im Alter von vier Jahren wurde Otto III. von Heinrich dem Zänker entführt, der ebenfalls Ansprüche auf den Kaiserthron anmeldete. Diesen Frauen war Heinrich jedoch nicht gewachsen und so musste er seine Geisel kurze Zeit später in Meinigen kniefallend und um Vergebung bittend wieder an Theophanu übergeben. Theophanu hielt von nun an das Heft des Handelns fest in ihrer Hand.

Sie konnte nicht mit ansehen, wie ihre Schwiegermutter die kaiserlichen Besitztümer nach und nach an die Kirche verschenkte und drängte die Macht Adelheids durch kluge Bündnisse immer weiter zurück. Zuletzt resignierte Adelheid und zog sich nach Pavia zurück. Theophanu gelang es inzwischen, die Achtung der deutschen Herzöge zu gewinnen und den Schwerpunkt der Herrschaft wieder nach Deutschland zu verlegen. Sie versuchte in den sieben Jahren ihrer Regentschaft, die an die Slawen verlorenen Gebieten wieder zu erobern. Urkunden unterzeichnete sie mit „Theophanu divina gratia imperatrix augustus“. Was soviel bedeutet wie THEOPHANU – KAISERIN VON GOTTES GNADEN.

Im Alter von nur 35 Jahren starb Theophanu in Nijmwegen. Der Umstand ihres Todes ist bis heute nicht ganz geklärt, möglicherweise erlag sie einer Art Tuberkulose. Theophanu wurde in der Kirche St. Pantaleon zu Köln begraben. Heute ist Theophanu fast völlig in Vergessenheit geraten und kaum ein Lexikon kann noch Auskunft über ihr Leben geben. Viele, die heute Bauwerke aus ihrer Zeit in Deutschland betrachten, wundern sich über die der byzantinischen Baukunst nahe stehende Architektur.

Bild: Die Kapelle der Burg zu Querfurt.

Bild: Die Kapelle der Burg zu Querfurt.

Über Birk Karsten Ecke

Geboren im Unterharz - wie fast jeder meiner Generation in Wippra / Südharz. Mein Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren die bayerische Landeshauptstadt München, dennoch fühle ich mich meiner "alten Heimat" dem Mansfelder Land sowie dem Harz und dem Harzvorland nach wie vor eng verbunden. Neben der Fotografie interessiere ich mich für die deutsche Geschichte von der Frühzeit bis in die Gegenwart.

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